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Anleitung zum Glücklichsein: Episode 4

Weil der nobelste Zweck die übelsten Methoden begründen kann...


Inzwischen hatten sich ihr alle Köpfe zugewendet. In einem Blick umfasste sie schnell den Saal, und fing an zu berichten:
„Die Stiftung Meunnahoj, wo ich seit 2 Jahren als Medizinstudentin getarnt lebe, ist ein theologisches Wohnheim. Unter den dreißig Bewohnern des Hauses, die auf 6 Stockwerke verteilt leben, sind zwei drittel Theologen.“ Während sie berichtete, erschienen hintereinander auf der Leinwand im hohen Rahmen zig Anblicke vom Haus und dem Hausgemeinschaftsleben. Von den anwesenden Bewohner beim letzten Kneipenabend im Partykeller, über das vorgesehene Programm der künftigen Adventsfeier bis zu sämtlichen Themen der Hausandachten hatte sie alles dokumentiert. Die Lebensbiographie jedes einzelnen Hausbewohners war gründlich untersucht und zu jedem eine komplette Akte mit Fotos, Skizzen und Historie des gesellschaftlichen Engagements angelegt worden. Über jede politische Äußerung war die ausführliche Tonaufnahme hinzugefügt worden.
 
Weil die BVG sich kein weiteres Scheitern erlauben konnte und Kenai deshalb über alle greifbaren Informationen verfügen können musste, wurde für diesen Auftrag schweres Geschütz aufgefahren. Zusätzlich zu ihrem Zimmer im Meunnahoj hatte sie noch eine Dienstwohnung im 6. Stockwerk des gegenüberliegenden Edelwohnhauses, die mit allen möglichen Abhörgeräten und einem Infrarotsichtgerät ausgestattet war. Außerdem konnte sie jederzeit auf ihrem Notebook über das in allen Zimmern des Meunnahoj installierte geheime Videoüberwachungssystem beobachten, was dort in jedem x-beliebigen Raum geschah. Auf diese Weise sollte möglichst wenig dem Zufall überlassen werden.
 
Als sie mit der Präsentation ihrer Dokumentation fertig war und gerade in einem Fazit die Schlussfolgerungen ihrer Forschung erläutern wollte, ging plötzlich die Tür des Versammlungsraumes auf. Eine große Gestalt im Kapuzengewand betrat den Raum und setzte sich ohne Wort zu den anderen auf den letzten freien Stuhl. „Der kommt aber zeitlich“, dachte Kenai, ironisch.
 
Sie drehte sich wieder zu ihrem aufmerksam lauschenden Publikum und fuhr fort: “Wegen meiner zweijährigen Erfahrung im Meunnahoj kann ich Theologiestudenten als besonders effiziente Multiplikatoren bezeichnen. Die meisten dieser Studenten werden hinterher Pfarrer und verfügen also über einen großen Einfluss auf andere Menschen. All das ist zwar eine nötige Voraussetzung, damit eine Botschaft überhaupt vermittelt werden kann, ist aber dennoch keine Erfolgsgarantie. Dafür müsste man erst sicherstellen oder zumindest daran arbeiten, dass Theologen tatsächlich über überdurchschnittliche Überzeugungsfähigkeiten verfügen“, betonte Kenai.
 
Vom anderen Ende des Saals ertönte eine Stimme: “Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Agent K. wollen sie sich also die Strukturen der Kirche zunutze machen, um gleich das vorhandene Netzwerk für die Verbreitung des Glücks zu nutzen, oder?“.
 
Verblüfft glotzte Kenia den Neuangekommenen Zuhörer an, der ihren Vortrag unterbrochen hatte. Sie konnte es nicht fassen: dieser Typ hatte von der ganzen Theorie nichts mitbekommen, kam erst vor zwei Minuten rein und wollte ihr nun in einem Satz erklären, wie sie ihre zweijährige soziologische Studie interpretieren sollte. „Wie dreist“, dachte sie, aber so richtig böse, konnte sie nicht sein. In erster Linie war sie vor allem beeindruckt, denn eigentlich war das, was der Unbekannt meinte, der Punkt, auf den sie hinaus wollte. Nur dafür hätte sie noch über zwanzig Minuten gebraucht, schätzte sie mit einem schuldigen Gefühl. Auf einmal war die Stimmung gekippt, prompt verlor Kenia ihren Faden und kam ins Stottern.

30.12.06 19:00
 


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