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Anleitung zum Glücklichsein: Episode 1

Anleitung zum Glücklichsein: Episode 2

Wie krumme Synapsenverbindungen wissenschaftliche Studien fördern

Im Kamin knisterte ruhig ein Feuer, das im Raum ein warmes Licht verbreitete. Die Flammen warfen tanzenden Schatten auf die kunstvoll holzverzierten Wände, während die spielenden Kinder auf dem riesigen Gemälde an der Wand gegenüber plötzlich zu leben schienen. Volle Aschenbecher erklärten die dichten Nebelschwaden unter der niedrigen Holzdecke. Um den großen schwarzen Tisch saßen bereits zehn geheimnisvolle Gestalten in schwarzen Gewändern, deren Gesichter wegen der breiten Kapuzen nicht zu erkennen waren. Einer von ihnen trug eine schwere Goldkette, was das einzige Anzeichen für eine Hierarchie innerhalb der Gruppe war. Schweigend setzte sich Kenai auf einen der beiden freien kunstvoll geschnitzten Stühle.

 

Eine männliche Stimme brach die Stille: “Hiermit erkläre ich die 25. Sitzung des Bundes zur Verbreitung des Glücklichseins für eröffnet. Agent K., wie sie sich bestimmt schon gedacht haben, ist jetzt die Zeit für die zweite Phase des WiS-Projektes gekommen. Ich muss Ihnen nicht erklären, wie entscheidend die Schlüsse Ihrer soziologischen Forschungen für den Erfolg unseres Projektes sind. Sie haben das Wort“. Kenai stand auf, näherte sich dem gegenüberhängenden Gemälde und schloß ihre Augen. Sie konzentrierte sich und auf der Leinwand neben ihr wurden die gelben hügeligen Felder, in denen sich die glückselige Naivität der Kindheit spiegelte, immer verschwommener, bis in dem hohen Rahmen ein ganz neues Bild erschien. Direkt über Kenais Synapsenverbindungen auf die Leinwand übertragen, war jetzt ein rotes fünfstöckiges Backsteinhaus zu sehen. Auf den kleinen Bildschirmen, die vor jedem Kampuzenträger auf der Tischfläche erschienen waren, konnte man das Haus aus verschiedenen  Perspektiven sehen. „Die Stiftung Meunnahoj“, kommentierte Kenai.

 

Als Mitglied der roten Abteilung des Bundes zur Verbreitung des Glücklichseins (BVG) war sie als Agentin im aktiven Dienst einzuordnen, die also Vollzeit für die Verwirklichung des Ziels des Bundes beschäftigt war. Hingegen hatten Mitglieder der silbernen Abteilung, auch Ältestenrat genannt, zwar eine führende Rolle, jedoch mit ehrenamtlichem Status. Über sie wusste Kenai nur wenig. Auf jeden Fall waren es intellektuelle Frauen und Männer, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft einen hohen Posten innehatten und dadurch sehr einflussreich waren. Ob Politiker, Fernsehmoderatoren, Firmenchefs oder Diplomaten, waren alle unverzichtbare Rädchen des ganzen Systems, die dem Leitbild des Bundes dienten und das gemeinsame Ideal anstrebten.


Die ganze Bewegung sollte vor ungefähr vier Jahren im Nachbarland Frankreich entstanden sein. Es war wohl an einem Abend nach einem der vielen heftigen Streiks, wodurch die Franzosen ihre Politiker gerne erschöpfen mochten. In einer gemütlichen Straßburger Weinstube saßen fünf Freunde, die alle auf verschiedene Weisen in den Ereignissen verwickelt wurden, so hatte es zumindest Kenai erzählt bekommen. Damals tranken ein Europaïscher Abgeordneter, ein Richter, eine Journalistin, die Präsidentin der Universität und der Wirt zusammen Wein und versuchten, die tiefsten Gründe des legendären und mittlerweile nervigen Rebellionsdurstes der Franzosen zu analysieren. Über den Hauptgrund waren sich alle einig: es ging einfach um die wachsende Unzufriedenheit auf allen Ebenen der Gesellschaft, die von allen fünf Gesellen schon seit längerer Zeit festgestellt wurde. Über die Mittel die man im Kampf gegen diese tiefverwurzelte Unzufriedenheit einsetzen musste, wurde bis tief in die Nacht mit Hilfe vieler Flaschen Wein diskutiert. Nachdem alle eingestehen mussten, dass sich durch traditionelle Wege keine Lösung finden ließ, brach der Wirt das Schweigen und fasste zusammen: “Also, durch irgendeine pseudo soziale Politik werden wir es nicht schaffen, die Leute glücklicher zu machen. Die Politiker brauchen eine gewisse Unzufriedenheit, um dafür den Gegner beschuldigen zu können und damit die Wahlen zu gewinnen. Eine glückliche Wählerschaft kann sich keinen Oppositionspolitiker wünschen, denn dadurch bleiben nur wenige Angriffsmöglichkeiten übrig. Ich, als Wirt, kann nichts Großes verändern. Zwar kann ich den Leuten etwas Gutes tun, was Schönes kochen, Wein einschenken aber auf Dauer ändert es leider nicht viel. In den Medien ist es noch schwieriger. Die Realität ist leider wie sie ist: grausam, bitter.  Das kann man als einziger nicht verändern. Und Informationen bewusst zu verschweigen ist auch keine Lösung, denn schließlich sollte das Glücklichsein nicht durch Betrug entstehen. Dazu kommt noch diese neulich veröffentliche Studie, in der wissenschaftlich bewiesen wurde, dass glückliche Mitarbeiter nicht effizienter sind. Von der Arbeitgeberschaft können wir also auch keine grosse Unterstützung erwarten. Zumindest nicht öffentlich.“ Genau in diesem Augenblick kam er zu der Lösung und wunderte sich, wieso sie nicht früher darauf gekommen waren: „Ganz ehrlich“, sagte er auf heiteren Ton zu seinen Kumpels: „Von oben wird uns immer irgendjemand Knüppel zwischen die Beine werfen. Also müssen wir versuchen, die Sachen von unten zu bewegen.“


So hatte also alles angefangen. Durch seine fünf Schöpfer entwickelte sich der Untergrundbund ungefähr so schnell wie Unkraut im Gemüsegarten, erst in Frankreich aber auch bald in den Nachbarländern wie Italien oder Belgien. In Deutschland, bekannt für das ständige Jammern seines Volks, war die Verpflanzung der Bewegung nicht so glatt gelaufen wie in den anderen Ländern. Die deutsche Sektion hatte schon zwei Misserfolge hinter sich, konnte sich also keinen weiteren mehr erlauben. Gerade deshalb war Kenai für die deutsche Sektion eine besonders wertvolle Agentin.

14.12.06 01:42
 


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